Orgelpunkt

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Elektrik und Orgelbau scheinen seit Langem in einem problematischen Verhältnis zu stehen. Einerseits gilt die mechanische Traktur als Inbegriff der Instrumentenbaukunst, andererseits sind Elektrik und Elektronik unverzichtbar, wenn es gilt, aktuelle Ansprüche an Spielhilfen und Komfort zu erfüllen.

Das mag der Grund dafür sein, warum über Holzart und Faserrichtung unermüdlich gegrübelt wird, die Wahl von Kabeln oder Klemmen aber mitunter dem zufälligen Griff in die Werkzeugkiste überlassen bleibt.

Manchem Orgelbauer gilt die Schraube mit angelöteten Drähten als geeigneter Stromverteiler, mancher Sachverständige hingegen wittert schon angesichts eines auf Holz befestigten Kabels akute Feuergefahr.

Die Verunsicherung ist groß: „Muss das sein?“ einerseits – „Darf man das?“ andererseits.

Man könnte es sich einfach machen und auf ein gutes Dutzend Normen und Vorschriften verweisen, die in Industrie und Gebäudeinstallation Standard sind. Doch was im Maschinenbau sinnvoll und leicht umzusetzen ist, kann den Bau eines Musikinstruments fast unmöglich machen.

So wäre das Arbeiten in der engen Teilung von Windladen kaum denkbar, wenn man unter Verweis auf eine Vorschrift fordern würde, dass jeder Kontakt berührungssicher und doppelt isoliert sein müsse. Und um jede Leitungsverzweigung einen Schaltkasten zu bauen, mag den Elektriker erfreuen, würde den Orgelbauer aber zur Verzweiflung treiben.
Gerade bei kleinen Spannungen fließen große Ströme. Stromversorgungen von mehreren hundert Ampere sind in Orgeln keine Seltenheit. Fließen diese Ströme bei Kurzschlüssen durch Leitungen, die nur Bruchteile von Millimetern dick sind, sind Instrumente, die zum größten Teil aus Holz bestehen, akut feuergefährdet.

Das folgende Video zeigt, was passiert, wenn 40 Ampere durch ein Orgelkabel mit Baumwoll-Isolation fließen. Dies Kabel sind in älteren Instrumenten auch heute noch anzutreffen. Besonders kritisch an diesen Leitungen: Die Stoffisolation ist mit Wachs getränkt. Ist die Zündtemperatur überschritten, brennt die Leitung wie eine Kerze auch ohne Stromfluss weiter.

Diese Anlagen benötigen ein durchdachtes Sicherungskonzept. Einen "Bestandsschutz" gibt es nicht. "Ist ja noch nie was passiert", ist kein Argument. Doch Panik oder Aktionismus mit "sofortiger Stillegung" helfen auch nicht weiter. Ein sachgerechtes Sanierungskonzept lässt sich auch in historischen Instrumenten realisieren.
Moderne Orgelkabel mit PVC-Isolation brennen zwar nicht so spektakulär, aber auch hier verursachen ungesicherte Kurzschluss-Ströme Stichflammen, die hölzerne Bauteile entzünden können.
Nach einer fachmännischen Orgeleinsicht erstelle ich eine Expertise, die Schwachpunkte und Sicherheitsmängel in der Orgelelektrik dokumentieren und konkrete Maßnahmen für deren Beseitigung vorschlägt.

Immer stehen pragmatische Handlungsoptionen für Orgelbauer auf der Basis aktueller Sicherheitsstandards im Vordergrund – ohne seitenlange Vorschriften-Zitate.